0.01% deep dive into our shōyu class

0,01% Deep Dive in unsere Shōyu-Klasse

Der Unterschied zwischen Industrie und Handwerk und wieso mimi shōyu selbst die Ultra-Exquisite Auswahl übertrifft



Shōyu (醤油, Sojasauce) ist eines der ältesten Umami-Elixiere der Welt. Seit mehr als tausend Jahren verfeinert sie in Japan und in ähnlicher Form in ganz Ostasien die Küche. Doch diese lange Tradition wurde wie vieles von der Industrialisierung grundlegend verändert. Aus einem Kulturgut, das aus Geduld, Gespür für natürliche Prozesse und der Verbundenheit mit den Jahreszeiten entstand, ist ein durchmechanisierter Industrieprozess geworden – einer, der kaum noch Raum lässt für die natürliche Entfaltung von Leben und Geschmack.

Der folgende Blick hinter die Kulissen zeigt, was industrielle Fertigung und traditionelles Handwerk – wie bei mimi ferments – voneinander unterscheidet. Es sind zwei Welten, die gegensätzlicher kaum sein könnten: von der Bohne über die Herstellung bis zu jenen Details, die auf keinem Etikett stehen und trotzdem den Geschmack bestimmen.

Am Ende dieses Textes lösen wir auf, was dieser Unterschied für dich ganz konkret bedeutet – und wieso mimi shōyu dabei selbst Kategorien wie die Ultra-Exquisite Auswahl hinter sich lässt. Wer es eilig hat, kann direkt dorthin springen. Wer den ganzen Weg mitgeht, versteht, warum.

Wer erst einmal wissen möchte, wie Shōyu überhaupt hergestellt wird, kann in unserem Artikel Shōyu: Herkunft, Herstellung, Sorten nachlesen.


Teil 1 – Die Auswahl der Rohstoffe: Marudaizu oder Dasshi-kakō-daizu


„Sojasauce" – der Name verspricht, dass Sojabohnen ihr Fundament sind. Doch schon beim Rohstoff beginnt der erste fundamentale Unterschied zwischen Handwerk und Industrie. Handwerksbetriebe wie mimi ferments verwenden die ganze, intakte Sojabohne – auf Japanisch Marudaizu (丸大豆, ganze Sojabohne). In ihr stecken alle nativen Fette, Proteine und pflanzlichen Lecithine noch in ihrer ursprünglichen, unversehrten Form.

Die moderne Sojasaucenherstellung dagegen nutzt – sofern nicht ausdrücklich Marudaizu auf der Verpackung steht – ein Nebenprodukt: Dasshi-kakō-daizu (脱脂加工大豆, Sojaextraktionsschrot), die entfetteten Rückstände der Sojabohnen, die bei der Sojaölherstellung anfallen. Obwohl eine restlose Verwertung von Rohstoffen und die Aufwertung von Restprodukten ökonomisch und ökologisch sinnvoll sind, ist das Verfahren der Ölextraktion sehr kritisch zu bewerten. Der Grund dafür liegt im hohen Verarbeitungsgrad und dem Einsatz des Lösemittels n-Hexan:

Exkurs: Wie entsteht Sojaextraktionsschrot? Um Sojaöl zu gewinnen, werden die Bohnen mechanisch aufgebrochen. Die Schale wird weggeblasen und die verbleibenden Kerne werden erwärmt und zu dünnen Flocken gewalzt, um ihre Oberfläche zu vergrößern. Weil Sojabohnen relativ wenig Öl enthalten, reicht eine reine mechanische Pressung allerdings nicht aus. Daher werden die Flocken in einen Extraktor gegeben, um mit n-Hexan, einem aus Erdöl gewonnenen Lösungsmittel, alles Öl herauszuwaschen. Die entölten, nun mit Hexan getränkten Flocken durchlaufen anschließend einen sogenannten Desolventizer-Toaster, in dem das Hexan mit Wasserdampf bei weit über 100 °C wieder verdampft wird. Übrig bleibt ein stark verarbeitetes, trockenes Proteingerüst, das Sojaschrot. 

n-Hexan ist toxikologisch ein gesichertes Neurotoxin [1]. Hinzu kommt: In der Praxis wird kein chemisch reines Hexan eingesetzt, sondern „technisches Hexan" – ein Gemisch verschiedener Kohlenwasserstoffe, das je nach Charge und Herkunft variieren kann [1]. Dass Hexan im fertigen Produkt „rückstandsfrei" ist, ist dabei lediglich eine Prämisse: Laboranalysen weisen in raffinierten Ölen und in den entfetteten Proteinfraktionen mitunter minimale Hexanspuren nach [2], und die EU erlaubt für entfettete Sojaerzeugnisse ohnehin gesetzliche Höchstmengen von bis zu 30 mg/kg – rechtlich ist Rückstandsfreiheit also gar nicht zwingend vorgeschrieben [3]. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht Klärungsbedarf: 2024 stufte sie die bisherige Sicherheitsbewertung von technischem Hexan aus dem Jahr 1996 als nicht mehr ausreichend ein und forderte eine umfassende Neubewertung [4]. Unabhängig davon gelten raffinierte Lebensmittel in der ganzheitlichen Ernährungslehre grundsätzlich als kritisch. Dr. Max Otto Bruker sah darin ein Paradebeispiel dafür, wie Nahrung durch starke Verarbeitung in isolierte, denaturierte Fragmente zerlegt wird, die seinen klinischen Erkenntnissen nach chronische Krankheiten verursachen. (nachzulesen in seinem Standardwerk „Unsere Nahrung – unser Schicksal") Dass diese Einordnung hochaktuell ist, untermauern moderne biochemische Untersuchungen [5].


Warum greift die Industrie zu Sojaschrot? Es ist günstiger, proteinreich und enthält fast kein Fett, das ranzig werden könnte. Beim Pressen der Moromi (諸味, Maische) aus ganzen Bohnen bildet sich zudem eine Ölschicht, die entfernt werden muss – mit entöltem Schrot entfällt dieser Schritt.

Der Haken: Der Geschmack bleibt auf der Strecke. Ganze Sojabohnen bringen wertvolle Pflanzenfette und Lecithine mit. Während einer monatelangen, langsamen Fermentation – wie bei mimi ferments – verwandeln sich diese Bausteine in komplexe Esterverbindungen und feine Aromen. Das enthaltene Lecithin wird dabei organisch in Glycerin und Cholin aufgespalten. Sie wirken als natürliche Emulgatoren, binden die Aromen perfekt ein und verleihen der Sauce ihre charakteristische, harmonische Weichheit im Abgang. Eine „Schrot-Sauce" dagegen schmeckt im Vergleich oft eindimensional: salzig, flach, bitter, metallisch oder adstringierend.

Der Grund liegt in der Chemie: Für Umami (旨味, herzhafter Geschmack) sind vor allem freie Aminosäuren nötig – allen voran Glutaminsäure, die von den Koji-Enzymen aus den Proteinen herausgeschnitten wird. Doch die Proteine im Sojaschrot stehen der Fermentation nur noch teilweise zur Verfügung. Durch die extremen Prozesse der Ölextraktion sind sie thermisch geschädigt und denaturiert. Die hochspezialisierten Enzyme können die Aminosäureketten allerdings nur an ganz bestimmten Stellen schneiden – Stellen, die durch unkontrollierte, verfrühte Maillard-Reaktionen bei der Ölherstellung blockiert werden. Dabei „verschweißen" Proteine mit dem Restzucker der Bohne und gehen feste chemische Bindungen ein, die die Koji-Enzyme schwer aufschließen können. Statt Umami entsteht Bitterkeit. Studien zeigen zudem, dass die Koji-Enzyme auf stark denaturiertem Schrot andere Peptidketten bilden als auf der intakten Bohne: deutlich mehr hydrophobe Peptide und Aminosäuren wie Isoleucin, die als bitter wahrgenommen werden [6,7].

Ganze Bohnen dagegen begünstigen bei der Langzeitreifung die Bildung von Amadori-Verbindungen und γ-Glutamyl-Peptiden [8,9,10,11,12], die für das tiefe, fleischig-cremige Kokumi-Gefühl (コク味, Vollmundigkeit) verantwortlich sind – jene besondere Geschmacksfülle, die eine gute Shōyu ausmacht. Diese biochemische Struktur verändert auch das physikalische Verhalten der Sauce fundamental: Während Schrot-Saucen wässrig sind und vom Essen regelrecht abperlen, besitzt eine traditionelle Marudaizu-Shōyu durch die Emulgatoren des natürlichen Sojaöls eine höhere Viskosität. Sie benetzt die Oberfläche von Fleisch, Fisch oder Gemüse perfekt und haftet als seidiger Film am Gaumen. Besonders auf warmem Reis oder fettem Sashimi zeigt sich diese Harmonie aus Lipiden und Kokumi-Peptiden: Die Sauce fließt nicht einfach weg, sondern verbindet sich mit den Fetten und der Stärke des Essens zu einer geschmacklichen Einheit. So reißt der Geschmack nicht sofort ab, sondern umhüllt die Sinne in einem langanhaltenden, harmonischen Abgang.
Selbst die Lagerung der Rohstoffe schlägt zu Buche: Knochentrockenes, fettfreies Protein-Schrot klingt nach langer Lagerfähigkeit. Die für die Ölextraktion deutlich vergrößerte Oberfläche des Schrots begünstigt bei längerer Lagerung allerdings eine Proteinoxidation. Luftsauerstoff greift die Aminosäuren an, die Proteinketten falten sich um und bilden untereinander Disulfidbrücken – echte chemische Quervernetzungen. Die Proteine verklumpen, die Ausbeute an freiem Stickstoff und Glutaminsäure sinkt dramatisch. Im Klartext: Die Sauce verliert massiv an natürlichem Umami-Potenzial – ein Verlust, den die Industrie anschließend mit Zusatzstoffen zu kaschieren versucht.


Drei Zutaten oder was sonst noch reinkommt


Der traditionelle Shōyu besteht aus genau drei Zutaten: Sojabohne, Weizen und Salz. Durch die Fermentation entsteht Geschmack von Natur aus – allen voran Glutaminsäure, das natürliche Umami. Industrielle Saucen überspringen diesen Reifeprozess oder verwenden Sojaschrot – und gleichen den fehlenden Geschmack stattdessen künstlich aus:


Geschmacksverstärker

  • Mononatriumglutamat (E621) – der bekannteste Zusatzstoff für schnellen, intensiven Umami-Geschmack
  • Dinatriumguanylat (E627) und Dinatriuminosinat (E631 / E635) – extrem potente Verstärker, oft mit Glutamat kombiniert, um dessen Wirkung zu vervielfachen
  • Hefeextrakt – rechtlich kein „Zusatzstoff", sondern als Zutat deklariert, dient in der Praxis aber demselben Zweck: Glutamat-Ersatz für ein „Clean Label"


Farbstoffe für die Optik

Weil verkürzte Produktionszeiten nicht ausreichen, um die typisch tiefbraune bis schwarze Farbe auf natürlichem Weg zu entwickeln, wird nachgeholfen – mit Zuckerkulör (E150a–E150d), geröstetem oder chemisch behandeltem Zucker, besonders häufig in „dunkler Sojasauce".


Konservierungsstoffe

Traditionelle Sojasauce konserviert sich durch ihren sehr hohen Salzgehalt und die Milchsäurebakterien von selbst. Günstige Massenprodukte senken oft den Salzgehalt oder wollen eine besonders lange Haltbarkeit garantieren durch:

  • Natriumbenzoat (E211): Verhindert das Wachstum von Hefen und Schimmelpilzen in billig produzierten Saucen.
  • Kaliumsorbat (E202): Ein weiterer, sehr häufiger Konservierungsstoff in asiatischen Import-Massenprodukten.
  • Alkohol: Für bestimmte japanische Linien wird der Sauce ein minimaler Anteil an reinem Alkohol beigemischt. Dieser dient als Verdunstungsschutz für lipophile Aromen und verhindert, dass sich auf der geöffneten Sauce im ungekühlten Zustand wilde Hefen bilden.


Süßungsmittel und Säureregulatoren

  • Zucker, Fruktose-Glukose-Sirup, Süßungsmittel: Werden verwendet, um den extrem salzigen oder teils bitteren Geschmack der chemisch hergestellten Saucen zu maskieren.
  • Milchsäure, Essigsäure oder Citronensäure (E330): Werden künstlich hinzugefügt, um den sauren Geschmack der natürlichen Fermentation zu imitieren.


Wie stark ein Produkt auf diese Hilfsmittel zurückgreifen darf, ist in Japan gesetzlich geregelt – über die Brauweisen Honjōzō (本醸造, Echte Brauweise), Kongōjōzō (混合醸造, Gemischte Brauweise) und Kongō (混合, Vermischt). Was diese Begriffe genau bedeuten und wie du sie auf einem Etikett erkennst, erklären wir im Shōyu Lexikon am Ende dieses Artikels.

Die gute Nachricht: Die traditionelle Brauweise Honjōzō dominiert den japanischen Markt. Nach Angaben des MAFF (japanisches Landwirtschaftsministerium) werden rund 90 Prozent der in Japan produzierten Sojasauce nach diesem Verfahren hergestellt [13]. Dabei werden keine Aminosäurelösung sowie keine enzymatisch oder fermentativ aufgeschlossenen Würzflüssigkeiten zugesetzt. Die Sauce entsteht stattdessen durch Fermentation und Reifung von Koji, Sojabohnen, Weizen und Salz. Die Kongōjōzō- und Kongō-Produkte mit künstlicher Aminosäurelösung sind zudem meist gar nicht im Supermarkt erhältlich, sondern werden direkt in Convenience-Gerichten oder Großküchen verwendet.

Aber beachten: Honjōzō bedeutet nicht automatisch „frei von Zusatzstoffen". Das Herstellungsverfahren sagt nichts darüber aus, ob dem fertigen Produkt Geschmacksverstärker oder Süßungsmittel zugesetzt werden. Solche Zusatzstoffe sind auch bei Honjōzō-Saucen grundsätzlich zulässig, obwohl eher selten. Gang und Gäbe ist es allerdings, sowohl Geschmacksverstärker als auch Süßstoffe bei Shōyu-Würzsaucen wie Ponzu, Dashi- und Sashimi-Shōyu oder süßen Sojasaucen aus Kyushu zu verwenden. Wie hoch der Anteil zusatzstofffreier Sojasaucen am japanischen Gesamtmarkt tatsächlich ist, lässt sich nicht genau beziffern, da weder MAFF noch die Verbraucherbehörde solche Zahlen veröffentlichen. Wer eine Shōyu ohne Zusatzstoffe haben möchte, sollte auf die Aufschrift Mutenka (無添加, ohne Zusatzstoffe) achten. Der Teufel sitzt hier aber im Detail, das ihr ebenfalls im Shōyu Lexikon weiter unten nachlesen könnt.



Teil 2 – Herstellung über die Sinne oder den Sensor


In einer traditionellen Manufaktur wächst Koji in Koji-Buta (麹蓋), flachen Holzkisten aus Sugi (杉, Sicheltanne). Während der zwei- bis dreitägigen Reifezeit wird das Soja-Weizen-Gemisch regelmäßig von Hand gewendet, damit es optimal wächst und atmet. Die Kisten werden je nach Stadium unterschiedlich gestapelt: direkt übereinander, um Wärme zu halten, leicht versetzt für mehr Luftzirkulation, im Backsteinmuster oder schräg geschichtet. Wann gewendet wird und wie die Kisten liegen, entscheidet die Erfahrung des Tōji (杜氏, Braumeister) beziehungsweise des Muromae (室前, Koji-Meister) – nicht ein starrer Zeitplan.

Die Beobachtung geschieht über alle Sinne. Noch bevor man den Koji-Muro (麹室, Fermentationsraum für Koji) betritt, kann man den Koji-typischen Geruch bemerken und allein am Geruch sehr gut einschätzen, wie weit der Koji entwickelt ist und wie es ihm geht. Einmal im Muro kann man über den gesamten Körper die Wärme und Luftfeuchtigkeit des Raumes wahrnehmen. Fliegt man mit der Hand über den Koji – ohne ihn zu berühren –, kann man die Intensität und genaue Verteilung dieser Wärme erspüren. Fasst man den Koji schließlich an, spürt man seine Textur. Kostet man ein paar Körner, erlangt man Einblick in den Süßegrad und damit in den Reifegrad. Beim Wenden des Koji erfährt man sogar visuell und über das Gehör, wie feucht der Koji ist: Feuchtere Körner erzeugen ein dumpferes Geräusch als trockene, und feuchte Körner kleben mehr, sodass die Körner eher purzeln als rieseln. So fließen unmittelbare und umfassende Sinneseindrücke zusammen und bilden mit Erfahrung und Intuition eine tiefe Verbundenheit zwischen Menschen, natürlichem Prozess und Produkt.


Vollautomatisch aromatisch daneben


Bei der industriellen Herstellung bekommt der Mensch von den Rohstoffen kaum noch etwas zu Gesicht. Die Rohstoffe werden aus Silos über Förderrohre direkt in Großmaschinen befördert und automatisch verarbeitet. Das Koji reift in vollautomatischen Großanlagen – sogenannten Rotary-Koji-Makern – und wird computergesteuert gewendet, belüftet und gekühlt. Anschließend wird das fertige Koji über geschlossene Rohrsysteme direkt in Tanks geleitet, um dort als Maische weiterzureifen. Diese wird nicht bei Raumtemperatur, sondern ganzjährig bei erhöhten Temperaturen von rund 35 bis 40 °C ausgebaut. Denn Enzyme arbeiten bei erhöhten Temperaturen deutlich schneller – Studien zufolge lässt sich die Fermentationszeit dadurch von den traditionellen sechs bis zwölf Monaten auf nur drei bis vier Monate verkürzen.

Bei dieser vollautomatischen Herstellungsart wird die Funktion des Menschen darauf reduziert, Knöpfe zu drücken, anstatt direkt am Fermentationsprozess beteiligt zu sein. Die unmittelbare ganzkörperliche Wahrnehmung, die Synthese mit der eigenen Erfahrung, die Umsetzung der individuellen Handschrift weicht dem Ablesen von übermittelten Informationen, einem vorprogrammierten Ablauf und dem reaktiven Bedienen von Anlagen. Die Reinigung und Wartung der Maschinen veranschlagen jetzt mehr Zeit als das Zusammenspiel mit dem lebendigen Herstellungsprozess. Dass solche Sojasaucen metallisch, flach, charakterlos schmecken, ist die unmittelbare Konsequenz dieses Weges.

Was hier verloren geht, ist kein Detail am Rande, sondern trifft einen Kernpunkt: Die materielle Gleichung geht nicht auf. Reine materielle Versorgung reicht nicht aus, damit Lebendiges gedeiht. In den bekannten Experimenten des Psychologen Harry Harlow entwickelten junge Rhesusaffen, die zwar von einer Drahtattrappe mit Nahrung versorgt, aber jeder Zuwendung beraubt wurden, schwere Verhaltensstörungen – manche überlebten die Isolation nicht. Im Kleinen gilt das auch für Fermentation: Schon beim Sauerteigbrot verändern kleinste Temperaturschwankungen in der Backstube oder Wetterlagen Triebkraft und Geschmack spürbar – einem Einheitsprogramm entgeht die Dynamik. Zwar lässt sich vieles davon in Zahlen fassen, etwa Zucker- oder Säuregehalt, doch solche Werte bleiben für sich genommen stumm, solange niemand sie zueinander in Beziehung setzt. Genau das leistet erst der Mensch, und auch er nicht von Anfang an: Erst über Jahre entwickelt sich jenes Gespür, das einen Tōji oder Muromae befähigt, seine Sinneswahrnehmungen zu einem intuitiven Gesamtbild zu verdichten, aus dem sich ablesen lässt, wann gerührt, gekühlt oder in Ruhe gelassen werden muss. Genau dieses tägliche Hineinhören und intuitive Agieren erschafft eine Verbindung zum Prozess, die kein Sensor ersetzen kann – und genau das lässt ein Produkt am Ende lebendig schmecken.


Noch schneller, noch billiger


Beim Herstellungsprozess lässt sich noch mehr einsparen. Statt über Tage hinweg aufwendig Koji auf Sojabohnen und Weizen zu züchten, lassen sich biotechnologisch hergestellte Enzyme direkt der Maische zusetzen – deutlich schneller und günstiger. Denn diese Enzyme entstehen in großen Bioreaktoren aus Abfallprodukten, produziert von Mikroorganismen, die praktisch ausnahmslos gentechnisch verändert wurden.


Das große Paradoxon der EU: An dieser Stelle wird es für dich als Verbraucher besonders interessant, denn die EU hat hierzu eine der kuriosesten Rechtslagen im Lebensmittelrecht geschaffen:

  1. Die Pilze und Bakterien im Bioreaktor gelten rechtlich eindeutig als gentechnisch veränderte Organismen und unterliegen strengsten Sicherheitskontrollen.
  2. Sobald sie ihre Enzyme in die Nährbrühe ausscheiden, werden die lebenden Zellen vollständig herausgefiltert. Das isolierte Enzympulver enthält keine DNA und keine lebenden Zellen der Mikrobe mehr – und gilt damit nicht als GVO.
  3. Weil das fertige Enzym keine veränderte DNA mehr enthält und beim finalen Erhitzen zerstört wird, gilt es rechtlich als technischer Hilfsstoff. Es muss in der EU nicht als „Gentechnik" deklariert werden.


Wer Gentechnik zuverlässig vermeiden möchte, sollte auf das EU-Bio-Siegel achten: Im kontrollierten Bio-Anbau ist der Einsatz von Enzymen aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gesetzlich strikt verboten. Eine Bio-Shōyu oder ein Bio-Miso – wie bei mimi ferments – darf solche Labor-Katalysatoren niemals einsetzen.


Noch drastischer: Säurehydrolyse:Hierbei wird das Soja-Weizen-Gemisch mit Salzsäure unter Druck bei 100 bis 130 °C innerhalb weniger Stunden vollständig in seine Aminosäurebausteine zerlegt. Die entstehende Flüssigkeit ist extrem sauer und ungenießbar und muss mit Natronlauge neutralisiert werden. Dieser rein chemische Prozess hat mit biologischer Fermentation nichts mehr zu tun – statt der unzähligen parallelen Reaktionen einer natürlichen Reifung läuft hier nur ein einziger Prozess ab, entsprechend eindimensional bleibt auch der Geschmack.

Diese sogenannten Aminosaucen (Hydrolyzed Vegetable Protein, kurz HVP) sind auch in Europa weit verbreitet – und bergen einen weiteren Trick: Beim Neutralisieren der Salzsäure mit Natronlauge entstehen Wasser und rund 16 bis 20 Prozent Salz. Da dieses Salz nicht als Zutat zugesetzt, sondern chemisch gebildet wurde, muss es nicht deklariert werden. Würzsaucen aus hydrolysiertem Pflanzenprotein erscheinen laut Zutatenliste als „salzfrei" – obwohl sie erhebliche Mengen Salz enthalten.

Mit echter Shōyu-Tradition hat all das wenig zu tun – und zum Glück gibt es in Japan keine Sojasauce, die ausschließlich auf diesen Wegen entsteht. Die Japanese Agricultural Standards (JAS) untersagen es sogar, reine Aminosäurelösung als Sojasauce zu verkaufen. Dennoch werden rund 10 Prozent der in Japan verkauften Sojasaucen mit Aminosäurelösung versetzt [14]; sogenannte Misch-Sojasaucen dürfen aus bis zu 80 Prozent Aminosäurelösung bestehen. Interessanterweise ist dabei die Proteinquelle beliebig: Jegliche pflanzliche Proteinquelle darf dafür verwendet werden.



Teil 3 – Die unsichtbare Zutat: Was nirgends auf dem Etikett steht – und trotzdem alles bestimmt


Traditionelle Shōyu – wie bei mimi ferments – reift über Jahre in Holzfässern, den Kioke (木桶, Holzfass). Holz atmet, reagiert auf die Jahreszeiten, und in den Millionen winzigen Poren siedelt über Jahrzehnte eine extrem diverse Gemeinschaft salztoleranter Hefen und Bakterien. Jahrhundertealte Fässer sehen dadurch oft kaum noch nach Holz aus: Ihre Oberfläche bricht auf wie Blätterteig und ist je nach Mikroorganismus unterschiedlich gefleckt. Besonders bei Shōyu spielt die Flora des ganzen Hauses eine entscheidende Rolle, denn die Fässer stehen in traditionellen Manufakturen offen – die Maische liegt über Jahre hinweg frei an der Luft. Mikroorganismen von Dachbalken und Giebel rieseln kontinuierlich in die Maische und stammen zugleich von ihr ab. Die Maische in traditionellen Manufakturen ist somit ein sehr offenes System, das permanent im Austausch mit der Umwelt der Manufaktur steht. Für diesen hauseigenen Mikroorganismen-Kosmos gibt es in Japan sogar einen eigenen Begriff: Kura-tsuki (蔵付き). Wilde Hefen verleihen der Shōyu ihr fruchtiges, florales Aroma; hauseigene Milchsäurebakterien produzieren ein breites Spektrum organischer Säuren. Selbst Natto-Bakterien (B. subtilis), die bei der Koji-Fermentation strikt gemieden werden, spielen in der Maische eine wichtige Rolle: Pro Zelle steuert es am meisten Umami bei, denn es verfügt über ein extrem potentes, salztolerantes Enzym namens Gamma-Glutamyltransferase, das enorm viel Aminosäuren freisetzt.


Werden und vergehen – die Jahreszeiten eines Holzfasses


Die Fermentation der Maische verläuft in Wellen, geprägt von Jahreszeit und Alter des Fasses. Im kalten Winter, wenn traditionell eingemaischt wird (諸味仕込み, Moromi-jikomi), findet kaum mikrobielle Gärung statt – dafür zerlegen die Enzyme des Koji im Stillen Sojabohnen und Weizen in Aminosäuren und Oligosaccharide. Im Frühling erwacht das Fass: Milchsäurebakterien breiten sich rasch aus und senken den pH-Wert der Maische auf etwa 5. Im Sommer erreicht die Hefe ihren Höhepunkt, die Maische beginnt aktiv zu blubbern, und komplexe, fruchtige Esterverbindungen entstehen. Auch B. subtilis ist im Sommer besonders aktiv: Über sein Enzym Gamma-Glutamyltransferase setzt es zusätzliche Glutaminsäure frei, und aus Aminosäure-Vorstufen wie L-Threonin bildet es Alkylpyrazine [15,16,17] – jene Aromastoffe, die auch dem eng verwandten Bacillus-Ferment Natto seine nussig-röstigen, teils schokoladigen Noten verleihen und sich hier perfekt mit den fruchtigen Hefe-Estern verbinden. Im Herbst kehrt Ruhe ein, viele Mikroorganismen sterben, und der Geschmack durchläuft seine finale Harmonisierung.

Auch das Sterben trägt zum Geschmack bei. Jede Zelle enthält eine Vielzahl an Stoffen, die beim Absterben in die Maische übergehen – meist über einen kontrollierten, programmierten Zelltod (Apoptose). Dabei produziert die Zelle unter Energieaufwand in ihren letzten Stunden Enzyme zur Selbstauflösung (Autolyse). So setzt sie nicht nur Aminosäuren, Fettsäuren und Zucker frei, sondern spaltet auch ihre DNA und RNA in einzelne Nukleotide auf [18,19,20,21,22]. So entstehen Guanosinmonophosphat (GMP) und weitere Nukleotide, die den Umami-Eindruck der Glutaminsäure um ein Vielfaches verstärken. Gleichzeitig verschiebt die Autolyse den Säurehaushalt: Organische Säuren wie Zitronen-, Wein-, Bernstein- und Milchsäure steigen zunächst an und werden im weiteren Reifeverlauf wieder abgebaut – ein Auf und Ab, das sich unmittelbar im Geschmacksbild der fertigen Sauce spiegelt [23,24]. Aus demselben Autolyseprozess stammen zudem einige der stilprägenden Aromen von Shōyu: Ethanol, das blumige 2-Phenylethanol und das würzig-rauchige 2-Methoxy-4-vinylphenol [25,26,27]. Was übrig bleibt, prägt die Textur: Die freigesetzten Peptide wirken wie winzige Klettverschlüsse und erhöhen die Viskosität, Glycerin und Zuckeralkohole legen sich wie ein feiner Film über die Zunge, und beides zusammen mildert den scharfen Salzstich zu einer sanften, gleichmäßigen Salzwahrnehmung. Auch die organischen Säuren aus der Milchsäuregärung tragen zu dieser Balance bei, indem sie mit dem Natriumchlorid ins Gleichgewicht treten und so die stechenden Spitzen des Salzes abrunden. Und schließlich wirken die Lipide der ganzen Sojabohne wie ein natürlicher Emulgator: Sie binden und fixieren die flüchtigen Aromastoffe, sodass diese länger auf der Zunge bestehen bleiben, und mildern – ähnlich wie Glycerin und Peptide – den Salzeindruck.

In der industriellen Massenproduktion nach ISO-Standard gibt es nichts von alledem: keine natürliche Flora, kein offenes Fass, keine Saisonalität. Die Produktionsstätten haben glatte Epoxidböden, die Maische lagert in gigantischen, hermetisch verschlossenen Tanks mit Epoxidharz-Innenauskleidung. Computer und Algorithmen übernehmen Rühren, Heizen und Belüften. Statt hunderter unterschiedlicher Mikroorganismen kommen meist nur zwei bis drei auf Effizienz gezüchtete Stämme zum Einsatz [28,29,30]. Komplexe Nebenreaktionen, die so wichtig sind für den vollmundigen Geschmack, finden hier nicht statt.



Der Preis der Bequemlichkeit: wenn man den Tank mitschmeckt


Warum überhaupt Epoxid-Tanks? Für die industrielle Produktion sind Holzfässer schlicht zu teuer, zu wartungsintensiv, kaum skalierbar und schwer zu sterilisieren. Es gab in Japan zwischenzeitlich fast keine Handwerker mehr, die diese Zedernfässer überhaupt noch bauen oder reparieren konnten. Im Holzfass gereifte Shōyu ist mit etwa 1,5 Prozent Marktanteil ein absolutes Nischenprodukt. Als Alternativen blieben eigentlich nur Edelstahl und Emaille. Emaille ist heute kaum noch im Einsatz – spröde, stoßempfindlich, teuer. Und die salzige, saure Maische fordert selbst Edelstahl auf Dauer heraus; nur sehr teure Speziallegierungen halten stand, die für die meisten Hersteller – in einem schrumpfenden Markt – schlicht unbezahlbar sind. In der Praxis bleibt damit Epoxidharz der Standard: kostengünstig, elastisch, leicht zu reparieren.

Doch unter den sauren, salzigen Bedingungen einer monatelangen Fermentation und jahrzehntelanger Nutzung bleibt selbst diese Kunststoffschicht nicht inert. Trotz offizieller Zertifizierung können chemische Verbindungen wie Bisphenole in Spuren direkt in das Lebensmittel migrieren [31,32]. Diesem Risiko begegnen die EU-Behörden inzwischen mit einer generellen Verschärfung der Grenzwerte für alle Lebensmittelkontaktmaterialien – eine Maßnahme, die die gesamte Lebensmittelindustrie betrifft und auch die traditionellen Verfahren der Shōyu-Produktion vor neue regulatorische Herausforderungen stellt.

Wenn Epoxidharz altert, unter Hitze steht oder mit aggressiven Stoffen in Kontakt kommt, können sich verschiedene Verbindungen aus der Polymermatrix lösen: Bisphenol A (BPA) und seine Derivate, der Grundbaustein der meisten Epoxidharze – stimmt das Mischungsverhältnis bei der Tankbeschichtung nicht mikrogrammgenau, bleiben ungebundene Moleküle zurück, die sich langsam herauslösen. Epichlorhydrin und BADGE, reaktive Zwischenprodukte der Harzherstellung, deren Reste ebenfalls übergehen können. Und Benzylalkohol sowie Reaktivverdünner aus den Härtern, die das Harz geschmeidig machen und oft leichter migrieren als das Harz selbst.

Sojasauce ist dabei nahezu der Worst Case für Epoxid-Tanks, denn sie vereint fast alle migrationsbeschleunigenden Faktoren der Lebensmittelchemie:

  • Der pH-Wert: Durch die Milchsäuregärung liegt er bei nur 4,6 bis 4,8. Säure greift Epoxidoberflächen mikroskopisch an und löst Migranten deutlich schneller heraus als reines Wasser.
  • Die Kontaktdauer: Ein Epoxidharz-Becher ist harmlos, weil der Kaffee nach 15 Minuten getrunken ist. Sojasaucen-Maische dagegen lagert 6 bis 24 Monate am Stück in denselben Tanks – eine extreme Langzeit-Exposition, die die Migrationsmenge massiv erhöht.
  • Der Salzgehalt: In hoher Konzentration wirkt Salz stark korrosiv und fordert die Barriereeigenschaften der Beschichtung dauerhaft heraus.

Was das für mimi ferments bedeutet: Wir reifen ausschließlich in Holzfässern – ohne Epoxid, ohne Kunststoffauskleidung, ohne Kompromiss. Und weil ganze Bio-Bohnen, offene Kioke-Fässer und eine jahrelange Reifung bei Raumtemperatur so viel natürliches Umami-Potenzial freisetzen, erreichen unsere Shōyus Proteinwerte, die weit über die gesetzliche japanische Spitzenklasse Tokkyū hinausgehen – bis in die höchste, freiwillige Luxusklasse Chō-Tokusen. Mehr dazu im Shōyu Lexikon direkt im Anschluss.


Das Shōyu-Lexikon

Qualitätsklassen und Typen: wie man das japanische Etikett versteht

Drei Begriffsgruppen beschreiben, was in der Flasche steckt: die Brauweise, die Nachbehandlung und die Brauzutaten. Dazu kommt ein Qualitätssystem, das den Umamigehalt einer Shōyu in Zahlen fasst.

Brauweise

Die 3 offiziellen Seizo-hōhō (製造方法, Herstellungsmethoden) nach dem japanischen Agrarstandard (JAS-Standard):

Brauweise Aminosäurelösung Additive Temperaturführung
der Maische
Sojaschrot Marktanteil
Honjōzō
本醸造 – Echte Brauweise
Nicht erlaubt Ja (erlaubt) Ja (Standard) Ja (>80%) ca. 90%
Kongōjōzō
混合醸造 – Gemischte Brauweise
bis zu 50 % Aminosäurelösung während der Fermentation Ja Ja Ja restliche 10%
Kongō
混合 – Vermischte Shōyu
bis zu 80 % Aminosäurelösung zugesetzt direkt in die Shōyu Ja Ja Ja <1%


Eine Zusatzklasse und das Holzfass:


Tennen-jōzō (天然醸造, naturbelassene Brauweise) ist keine eigene vierte Kategorie im JAS-Hauptsystem, sondern eine gesetzlich geschützte Zusatzbezeichnung für Honjōzō, bei der keine Zusatzstoffe und keine Temperaturführung der Maische erlaubt sind.

Der BegriffKioke Shōyu (木桶醤油, Holzfass gereifte Shōyu) ist keine gesetzliche Qualitätsklasse im JAS-System, sondern beschreibt im Lebensmittelrecht ausschließlich das Reifegefäß (Holzfass). Es ist hier mit aufgenommen worden, da es die Brauweise stark beeinflusst und bei vielen Manufakturen ein wichtiges Qualitätsmerkmal und Auslobungskennzeichen ist. Rechtlich gesehen regelt der Begriff weder die Zutaten noch die Zusätze. Eine Kioke Shōyu kann daher theoretisch eine billige Kongō-Sojasauce mit Aminosäurelösung und Süßstoffen sein. In der Praxis nutzen puristische Handwerksbrauereien das extrem teure und wartungsintensive Holzfass fast immer in Kombination mit der Klasse Tennen-jōzō und ganzen Sojabohnen (Marudaizu)

Brauweise Aminosäurelösung Additive Temperaturführung
der Maische
Sojaschrot Marktanteil
Tennen-jōzō
天然醸造 – naturbelassene Brauweise
Nicht erlaubt keine außer Alkohol Nicht erlaubt erlaubt ca. <1%
Kioke Shōyu
木桶醤油 – Holzfass gereifte Shōyu
Nicht geregelt Nicht geregelt Nicht geregelt Nicht geregelt ca. 1%


Nachbehandlung

Ki Jyōyu (生醤油) – pasteurisiert und gefiltert. Sie ist die japanische Standard-Shōyu, die sich ungeöffnet mehrere Jahre bei Raumtemperatur hält und auch geöffnet in der warmen Küche praktisch unbegrenzt haltbar bleibt. Die Hitze inaktiviert nicht nur Enzyme und Mikroorganismen, sondern vertieft durch die Maillard-Reaktion auch Geschmack und Farbe – ein Trick, der selbst kürzer gereiften oder minderwertigen Saucen mehr Geschmack verleiht.

Nama Shōyu (生醤油) – mikrofiltriert statt pasteurisiert. Sie wurde nie erhitzt; stattdessen presst ein rein physikalisches Verfahren die Sauce durch extrem feine Membranfilter, die lebende Hefen und Bakterien heraussieben, während die Enzyme aktiv bleiben. Das Ergebnis: unheimlich frisch, fruchtig, mild und elegant – und ein echter Küchentipp, denn die aktiven Enzyme machen Fleisch oder Fisch beim Marinieren butterzart. Beim Kochen verändert sich ihr Aroma allerdings schlagartig, weshalb sie am liebsten kalt als exquisiter Dip verwendet wird.

Kiage Shōyu (生揚げ醤油) – weder pasteurisiert noch filtriert. Frisch gepresste, absolut unbehandelte Roh-Shōyu voller aktiver Enzyme, Koji-Pilzreste, Hefen und Milchsäurebakterien – die unverfälschteste, lebendigste Form, die eine Shōyu überhaupt annehmen kann, selbst in Japan im normalen Supermarkt kaum erhältlich. Sie schmeckt vollmundig und lebendig, eignet sich dank ihrer aktiven Mikrobiologie nicht nur zum Marinieren, sondern auch zum Weiterfermentieren. Dank ihrer vollständig erhaltenen Enzyme und Antioxidantien ist sie zudem besonders gesund. Bei mimi ferments ist das kein Sonderfall, sondern unser Standard: Jede unserer Shōyus verlässt die Manufaktur ausschließlich als Kiage – roh, unpasteurisiert, ungefiltert, mit ihrer vollständigen, lebendigen Mikrobiologie.


Brauzutaten

  • Marudaizu (丸大豆) – hergestellt aus ganzen Sojabohnen, ohne Sojaschrot
  • Daizu (大豆) – Sojabohne, höchstwahrscheinlich Sojaschrot
  • Yūki (有機) – alle Zutaten stammen aus kontrolliert biologischem Anbau
  • Aminosan-eki (アミノ酸液) – Aminosäurelösung
  • Chōmikyō (Aminosā-tō) (調味料/アミノ酸等) – Geschmacksverstärker (Aminosäuren etc.). Gesetzlicher Sammelbegriff für künstliches Umami (meist MSG gemischt mit Nukleinsäuren)
  • Mutenka (無添加) – Frei von Zusatzstoffen: Eine erst seit 2024 strenger regulierte, freiwillige Angabe des Produzenten. Aber Vorsicht: Was in Japan als Zusatzstoff gilt, muss nicht identisch mit geltendem EU-Recht sein. Außerdem bedeutet Mutenka nicht zwingend, dass das Produkt frei von jeglicher Form von Zusatzstoffen ist – es kann auch nur frei von einer bestimmten Stoff-Kategorie sein. Chomiryō-Mutenka (調味料無添加) bedeutet beispielsweise lediglich: frei von MSG / künstlichem Umami. Zudem gab es bis zur Gesetzesänderung kaum Regulierung bezüglich des versteckten Carry-over-Effekts von Zusatzstoffen. Das heißt: Wenn die Rohstoffe bereits Zusatzstoffe enthielten, konnte der Produzent sein Endprodukt trotzdem als Mutenka bezeichnen, solange er selbst im letzten Verarbeitungsschritt nichts hinzugefügt hat.


Qualitätsklassen

In Japan werden die offiziellen Shōyu-Sorten in drei gesetzliche Klassen unterschieden. Um die Qualität einer Shōyu in Zahlen zu fassen, hat die JAS zwei unterschiedliche Wege beschritten. Der Gesamtstickstoffgehalt einer Shōyu ist ein zuverlässiger Indikator für Proteingehalt, Umami-Intensität und Reifedauer, da Stickstoff nur in Proteinen vorkommt. Um proteinarme Shōyu auch zuverlässig bewerten zu können, gibt es einen zweiten Faktor: den Gesamtgehalt an gelösten Feststoffen ohne Salz (Total Soluble Solids without Salt). Dieser TSS-Wert misst alles, was im Fass durch die Enzyme verflüssigt wurde – also die Summe aus gelösten Zuckern, Aminosäuren, Peptiden und organischen Säuren. Dunkle Shōyu können somit mit hohen Proteinwerten und helle Shōyu mit hoher Dichte glänzen.


JAS-Qualitätsstufen gemessen am Gesamtstickstoff

Da der Gesamtstickstoffgehalt selten auf einer Flasche steht, haben wir die JAS-Werte in Proteingehalt in g pro 100 ml umgerechnet (Stickstoff × 6,25, der international gängige Umrechnungsfaktor).

Qualitätsstufe (Klasse) Shiro Shōyu
(weiße Shōyu)
Usukuchi
(Helle Shōyu)
Koikuchi
(Dunkel Shōyu)
Saishikomi
(Doppelt gebraut)
Tamari
(Rein Soja)
Hyōjun
標準 – Standardklasse
2,5 – 5,62 g ≥ 5,94 g ≥ 7,50 g ≥ 8,75 g ≥ 7,50 g
Jōkyū
上級 – Obere Klasse
2,5 – 5,62 g ≥ 6,56 g ≥ 8,44 g ≥ 9,38 g ≥ 8,75 g
Tokkyū
特級 – Sonderklasse
2,5 – 5 g ≥ 7,19 g ≥ 9,38 g ≥ 10,31 g ≥ 10,00 g
Tokusen
特選 – Exquisite Auswahl


≥ 10,31 g ≥ 11,00 g ≥ 11,00 g
Chō-Tokusen
超特選 – Ultra-Exquisite Auswahl


≥ 11,25 g ≥ 12,00 g ≥ 12,00 g


Die beiden letzten Klassen, Tokusen und Chō-Tokusen, sind keine gesetzliche Pflicht, sondern eine freiwillige Auszeichnung des japanischen Sojasauce-Verbands für Manufakturen, die weit über die gesetzliche Spitzenklasse Tokkyū hinaus reifen lassen.


JAS-Qualitätsstufen nach dem Extraktgehalt (TSS ohne Salz)

Qualitätsstufe (Klasse) Shiro Shōyu
(weiße Shōyu)
Usukuchi
(Helle Shōyu)
Koikuchi
(Dunkel Shōyu)
Saishikomi
(Doppelt gebraut)
Tamari
(Rein Soja)
Hyōjun
標準 – Standardklasse
≥ 1,88 g ≥ 5,94 g ≥ 7,50 g ≥ 8,75 g ≥ 7,50 g
Jōkyū
上級 – Obere Klasse
≥ 2,50 g ≥ 6,56 g ≥ 8,44 g ≥ 9,38 g ≥ 8,75 g
Tokkyū
特級 – Sonderklasse
≥ 3,13 g ≥ 7,19 g ≥ 9,38 g ≥ 10,00 g ≥ 10,00 g
Tokusen
特選 – Exquisite Auswahl
≥ 3,44 g (+10%) ≥ 7,94 g (+10%) ≥ 10,31 g ≥ 11,00 g ≥ 11,00 g
Chō-Tokusen
超特選 – Ultra-Exquisite Auswahl
≥ 3,75 g (+20%) ≥ 8,63 g (+20%) ≥ 11,25 g ≥ 12,00 g ≥ 12,00 g


Wofür mimi ferments shōyu steht:
die 0,01-%-Königsklasse


Hier ist sie – die Auflösung, die wir eingangs versprochen haben. Jede Stellschraube, die wir dir gezeigt haben – die ganze Bohne statt Sojaschrot, das offene Kioke-Fass statt Epoxid-Tanks, und viele weitere Details – läuft am Ende in nüchterne Zahlen zusammen: dem Protein- und Extraktgehalt der fertigen Shōyu. Lasst uns diese Zahlen zur analytischen Einordnung von mimi ferments anwenden. Bitte beachtet dabei, dass in Japan sowohl der Salzgehalt als auch die gelösten Feststoffe auf einem anderen Weg als in Deutschland ermittelt werden. Unsere deutschen Laborwerte sind daher nicht eins zu eins mit den japanischen Messreihen gleichzusetzen. Schauen wir uns dennoch an, wo unsere Shōyus im Vergleich zu den offiziellen JAS-Qualitätsstufen liegen:
mimi ferments Shōyu Proteingehalt Qualitätsstufe
Dinkel Saishikomi Shōyu 14 g / 100 ml Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Einkorn Koikuchi Shōyu 11 g / 100 ml Tokusen (Exquisite Auswahl)


mimi ferments Shōyu TSS-Gehalt
ohne Salz
Qualitätsstufe
Dinkel Saishikomi Shōyu 36,13 g / 100 ml 3× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Einkorn Koikuchi Shōyu 23,95 g / 100 ml 2× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Emmer Usukuchi Shōyu 26,80 g / 100 ml 3× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Kibi Shiro Shōyu 26,97 g / 100 ml 7× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Soba Shiro Shōyu 20,50 g / 100 ml 5× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)
Soba Shiro Tamari 12,55 g / 100 ml 3× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)*
Koji Tamari 46,75 g / 100 ml 12× Chō-Tokusen (Ultra-Exquisite Auswahl)*

* Für Shiro Tamari existieren keine TSS-Werte, da sie nicht Teil der offiziellen JAS-Shōyu-Klassen ist. Um unsere Soba Shiro Tamari und Koji Tamari, die nach der Rezeptur einer Shiro Tamari mit 100 % Getreideanteil entsprechen, qualitativ einzuordnen, haben wir hier die Werte der Shiro Shōyu als Grundlage herangezogen.


Kombiniert man alle Qualitätskriterien, die wir bei mimi ferments erfüllen, mit dem Marktanteil, den diese in Japan besitzen, ergibt sich ein unglaubliches Bild:

Legt man all diese Kriterien wie ein Trichter übereinander, schrumpft das, was wir bei mimi ferments herstellen, zu einer Qualitätsklasse, die weit unter 0,01 % liegt.

Wir bei mimi haben damit nicht nur traditionelles Handwerk nach Europa gebracht, sondern kombinieren die extremsten Qualitätskriterien und gehen noch Schritte weiter, indem wir konsequent Ur-Getreide und Quellwasser verwenden, extra lange Reifen und Plastik in allen Prozessen vermeiden. Bei uns bekommt ihr somit eine absolute Rarität und kompromisslose Qualität – perfekt, um eure Küche aufzuwerten und eure Freunde zu begeistern.



Quellenverzeichnis:

1. ATSDR Toxicological Profile for n-Hexane

2. Headspace analysis für residual hexane in vegetable oil

3. Hexan in Lebensmitteln: Bedeutung, Risikobewertung und Analyseverfahren

4. Technical Report on the need for re-evaluation of the safety of hexane used as an extraction solvent in the production of foodstuffs and food ingredients

5. Soybean oil induces neuroinflammatory response through brain-gut axis under high-fat diet

6. Soybean (Glycine max) Protein Hydrolysates as Sources of Peptide Bitter-Tasting Indicators: An Analysis Based on Hybrid and Fragmentomic Approaches

7. Bitter Peptides in Fermented Soybean Foods - A Review

8. Differences in taste and material basis of soybean and defatted soybean fermented soy sauces and influence factors

9. Quantification of twenty Amadori products in soy sauce

10. Decoding bitter peptides in soy sauce

11. Determination and quantification of the kokumi peptide, γ-glutamyl-valyl-glycine, in commercial soy sauces

12. Comparative study on the novel umami-active peptides of the whole soybeans and the defatted soybeans fermented soy sauce

13. Marktanteil Honjozo*

14. Marktanteil an Sojasaucen mit Aminosäurelösung*

15. Characterization of Bacillus subtilis gamma-glutamyltransferase and its involvement in the degradation of capsule poly-gamma-glutamate

16. Pyrazines Biosynthesis by Bacillus Strains Isolated from Natto Fermented Soybean

17. An Alkylpyrazine Synthesis Mechanism Involving l-Threonine-3-Dehydrogenase Describes the Production of 2,5-Dimethylpyrazine and 2,3,5-Trimethylpyrazine by Bacillus subtilis

18. Autolysis of Aspergillus oryzae Mycelium and Effect on Volatile Flavor Compounds of Soy Sauce

19. Induction and Repression of Hydrolase Genes in Aspergillus oryzae

20. Microbiological Characteristics and Physiological Functionality of New Records of Yeasts from Wild Flowers in Yokjido, Korea

21. Insight into the formation mechanism of umami taste in traditional Chinese soybean paste: A review

22. Valorization of Food By-Products into a Zero-Waste Broth: Effects of Yeast Extract on Composition and Sensory Properties

23. Autolysis of Aspergillus oryzae Mycelium and Effect on Volatile Flavor Compounds of Soy Sauce

24. Physiological and transcriptomic analyses revealed the change of main flavor substance of Zygosaccharomyces rouxii under salt treatment

25. Autolysis of A. oryzae Mycelium

26. Defatted Soybean Meal-Based Koji Promotes Flavor Development in Deyang Baiwo Soy Sauce: A Comparative Multi-Omics Study

27. Insights into Physicochemical Characteristics, Flavor Development, and Microbial Succession During the Natural Fermentation of Sichuan-Style Black Soybean Soy Sauce

28. Selection of micro-organisms for use in the fermentation of soy sauce

29. Monitoring of the microbial communities involved in the soy sauce manufacturing process by PCR-denaturing gradient gel electrophoresis

30. Industrial production of soy sauce

31. Factors affecting migration kinetics from a generic epoxy-phenolic food can coating system

32. Long-term migration from epoxy and acrylic-phenolic coatings

33. Anteil Marudaizu in Sojasaucen*

34. Art of barrel-brewed soy sauce revived for future generations*

35. Umami Information Center*

36. Anteil Biologischer Anbau Japan*

37. Soy Sauce and Local Cuisine*

38. A matter of national security*


* Hinweis zur Datenlage: Die angegebenen Richtwerte für traditionelle Sonderformen
(wie Kioke-Holzfassreifung und Tennen-jōzō) basieren auf Konsensdaten der
japanischen Branchenverbände und dem aktuellen Stand der Fachliteratur. Aufgrund
der extremen handwerklichen Nische existiert hierzu keine lückenlose staatliche
Gesamterfassung; die Werte spiegeln jedoch den allgemein anerkannten und plausiblen
Konsens der Fachwelt wider.